PINK WALK

TALK

mit Nadja Seipel

„Mein Körper ist nicht mein Feind“

Nadja lebt seit über fünf Jahren mit metastasiertem Brustkrebs. Bewegung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge sind für sie wichtige Werkzeuge. Im Gespräch mit Awareness Deutschland erzählt sie, wie sich ihr Verhältnis zum eigenen Körper verändert hat – und warum es manchmal mutig ist, langsamer zu werden.

Awareness Deutschland: "Als du deine Erstdiagnose bekommen hast, hast du gerade für einen Marathon trainiert. Hat sich dein Verhältnis zu deinem Körper durch die Erkrankung verändert?"

Nadja: "Total. Als gesunder Mensch verlässt du dich einfach auf deinen Körper. Der funktioniert halt. Und dann kommt diese Diagnose und plötzlich merkst du: Mein Körper kann krank sein, ohne dass ich es merke. Das ist ein riesiger Vertrauensbruch.
Am Anfang dachte ich wirklich: Jetzt arbeitet mein Körper gegen mich. Heute sehe ich das anders. Er hat wahnsinnig viel ausgehalten. OPs, Chemo, Metastasen, Therapien. Ich habe einen starken Körper, auch wenn er nicht mehr alles kann."

Awareness Deutschland: "Du hörst du sicher oft, wie stark du bist. Was bedeutet Stärke für dich?
"

Nadja: "Ja, viele Menschen spiegeln mir das. Aber ganz ehrlich: Es bleibt mir nichts anderes übrig. Stärke heißt für mich: aus den Tiefs wieder hochkommen. Weitermachen. Dranbleiben. Nicht aufgeben. Und auch zu merken: Jetzt brauche ich eine Pause."

Awareness Deutschland: "Welche Rolle spielt Bewegung heute für dich?"

Nadja: "Bewegung ist immer noch wichtig – aber anders. Früher ging es um Leistung. Heute geht es um Lebensqualität. Ich war früher sehr ehrgeizig. Heute habe ich zum Beispiel ein Hand-Fuß-Syndrom, Laufen geht nur eingeschränkt, Fitnessstudio ist schwierig, weil die Hände schmerzen. Dann muss man umdenken. Und akzeptieren.

Manchmal ist Bewegung heute ein Spaziergang. Oder einfach rausgehen. Und manchmal ist Bewegung auch: liegen bleiben, Pause machen."

Awareness Deutschland: "Das klingt nach viel Selbstfürsorge – war das schon immer so?"

Nadja: "Nein. Überhaupt nicht. Vor der Erkrankung kannte ich keine Pausen. Ich war immer unterwegs. Mittags hinlegen? Niemals. Das musste ich lernen. Heute weiß ich: Wenn ich müde bin, lege ich mich hin. Punkt. Das ist keine Schwäche, das ist Selfcare. Und ich merke: Mein Körper dankt es mir, auch mental."

Awareness Deutschland: "Was bedeutet Achtsamkeit für dich ganz konkret im Alltag?"

Nadja: "Grenzen spüren – und sie ernst nehmen. Auch bei Menschen. Auch online.
Ich teile viel auf Social Media, das gibt mir Kraft. Aber ich habe auch gelernt: Wenn mir Geschichten zu nahegehen, dann entfolge ich. Selbstschutz ist kein Egoismus.
Achtsamkeit heißt für mich auch: Nicht alles der Krankheit zuschreiben. Man wird älter, man ist keine 20 mehr. Nicht jeder Schmerz ist Krebs. Diese Balance zu finden, ist schwierig – aber wichtig."

Awareness Deutschland: "Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade kämpfen – mit ihrem Körper oder mit sich selbst?"

Nadja: "Seid gnädig mit euch. Der Körper ist kein Gegner. Er macht das Beste, was er kann.
Und hört auf, alles aufzuschieben. Bewegung, Freude, Nähe, Leben – das ist kein Bonus, das ist das Wesentliche. Man darf müde sein. Man darf Angst haben. Aber man darf auch lachen. Beides gehört dazu."


Wer mehr über Nadja erfahren möchte:

Instagram: https://www.instagram.com/gewinnerbraut 

Informationen zu ihrer Selbsthilfegruppe für metastasierten Brustkrebs in Heidelberg findet ihr hier.

Foto: Nadja Seipel

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